
Wie konnten Sie die Mitgliedstaaten überzeugen, in Zeiten von harten Sparmaßnahmen, das Rekord-Budget von fast 22,3 Milliarden Euro freizugeben?
Ich war das nicht allein, es sind Tausende, die da mitarbeiteten. Ausschlaggebend war der tägliche Erfolg unserer Leute: Satelliten, Raketen, Datensysteme, digitale Zwillinge zur Erdsimulation. Die Qualität unserer 6000 Ingenieure und Wissenschafter ist außergewöhnlich, das Geld der Mitgliedsländer wird gut genutzt. Diese Substanz muss in die Finanzierung von morgen überführt werden. Beim Ministerrat in Bremen Ende November ist das gelungen: Nach eineinhalb Jahren Budgetplanung ist das Ergebnis stark. Nicht einmal ich hatte das erwartet.
Viele können sich schwer vorstellen, warum die ESA so viel Geld benötigt. Wofür wird es eingesetzt?
Die 22,3 Milliarden Euro sind auf die 23 Mitgliedsstaaten und ihre Einwohner umgerechnet rund 15 Euro pro Person pro Jahr. 15 Euro beträgt der Preis eines Kinotickets. Und wir liefern sehr gutes Kino. 22 Milliarden klingt viel, aber wenn man es umlegt und in den Kontext setzt, ist es gar nicht mehr so viel.
Was wird mit dem aktuell freigegebenen Budget finanziert?
Wir haben laufende Programme und entwickeln neue Weltraumprojekte. Wir arbeiten an Erdbeobachtung, Telekommunikation, Navigation, Wissenschaft, Exploration und neuer Raketentechnologie. Wir bauen das weltbeste Klimabeobachtungssystem Copernicus weiter aus, um Klimaveränderungen zu verstehen und darauf zu reagieren. Wir schauen, dass wir die Erdbeobachtung weiter verbessern, um die Auflösung von etwa 20 cm Auflösung auf einen Zentimeter herunterzukommen – für das autonome Fahren absolut wichtig. In der Exploration richtet sich der Blick auf den Mond. In zehn bis zwanzig Jahren wird er belebt sein, wir liefern Forschung und Infrastruktur. Zum Mars startet 2028 ein Rover, der Bodenproben nimmt und untersucht, ob es unterhalb der Oberfläche Leben gibt.
Sie sagen, die Raumfahrt sei wichtig für das Alltagsleben, für die Wirtschaft, aber auch für die Sicherheit des Kontinents und militärische Fragen. Können Sie je ein Beispiel dafür nennen?
Wettervorhersage und Navigation beruhen auf Satelliten. Landwirtschaft, Rettungseinsätze, Katastrophenschutz und Telekommunikation brauchen Satellitendaten – sie sind Teil des Alltags. Es wäre gut, wenn man Labels wie „Made in Space“ oder „Using Space“ hätte, damit das bewusst wird. Auch für die Sicherheit und Verteidigung wird der Weltraum immer wichtiger. Die Ukraine könnte sich ohne Weltraumtechnologie nicht verteidigen, weil sie nicht wüssten, wo sich der Feind aufstellt. Das zeigt zugleich, was es für Europa bedeutet: Wir müssen uns stärker und autonomer aufstellen. Der Weltraum ist Teil der Verteidigung.
Europas Raumfahrt ist in einigen Bereichen von anderen abhängig. Ist das ein Problem?
Weltraumtechnologie ist nie unabhängig. Die USA, die größte Weltraummacht, sind umgekehrt auch von Europa abhängig. Im Artemis-Programm, dem Mond-Programm, nutzen sie europäische Technologie: Das European Service Module treibt die Orion-Kapsel an, versorgt sie und bringt die Astronauten zurück. Wir liefern also Technologie, die die NASA braucht. Wir haben ein Netzwerk mit Amerika, Japan, Kanada und anderen Nationen aufgebaut. Europa ist stark in Partnerschaften und Qualität. Doch um Partner anzuziehen, müssen wir etwas Attraktives bieten und Stärke, Autonomie und Technologie aufbauen.
Hat sich die Zusammenarbeit mit der NASA seit der Präsidentschaft von Donald Trump geändert?
Ja, und das betrifft auch uns in Europa. Einige gemeinsam entwickelte Programme werden von der NASA möglicherweise nicht weitergeführt. Für uns heißt das, dass wir autonomer, stärker und unabhängiger werden müssen. Diese notwendige Unabhängigkeit haben wir auch in Bremen betont.
Welches ist momentan das wichtigste Experiment?
Den Menschen im All besser kennenzulernen. Wichtig ist zu verstehen, was lange Aufenthalte in der Schwerelosigkeit mit dem Körper machen: Muskeln werden abgebaut, Knochen werden spröder und schwächer. Wir wissen jetzt, dass die Astronauten viel Sport betreiben müssen - zwei Stunden pro Tag, am Laufband oder mit anderen Übungen, um dem Muskel- und Knochenabbau entgegenzuarbeiten. In der Schwerelosigkeit wird man dazu mit Gummibändern auf das Laufband gebunden, damit man nicht wegfliegt.
Was ist Ihrer Meinung nach das kurioseste Experiment, das je im All stattgefunden hat?
Vor zehn Jahren haben wir beispielsweise ein Gerät geschaffen, das bereits mit Künstlicher Intelligenz funktionierte. Es war ein Begleiter für die Astronauten, wir haben es Simon genannt. Es schwebte in der Raumstation herum und reagierte auf die Emotionen der Astronauten. Es erzählte etwa einen Witz oder lachte einfach nur, um sie aufzuheitern. Zweck dieses Experiments war es auszuprobieren, wie die Astronauten während der künftig sehr langen Missionen psychologisch unterstützt und unterhalten werden können.
Im Alter von sieben Jahren haben Sie die Mondlandung im Fernsehen verfolgt. Können Sie sich noch daran erinnern?
Ich kann mich noch gut erinnern. Ich habe in einem Bergbauernhof gewohnt und wir hatten einen schlechten Fernsehempfang. Man musste oft interpretieren, was man sieht. Die Tatsache, dass jemand auf dem Mond ist, ist eigentlich mystisch und magisch genug. Der flimmernde Fernseher hat es aber noch magischer erscheinen lassen. Deshalb wollte ich bessere Bilder sehen und verstehen, wie man sowas macht.
Was antworten Sie Menschen, die behaupten, dass die Mondlandung eine Fälschung war?
Das hört man immer wieder. Es gibt Leute, die behaupten, die Erde sei flach. Ich sage dann immer: „Fliegt einmal ein bisschen höher und schaut euch den Horizont an.” Wenn Leute so etwas behaupten, dann sind sie auch überzeugt davon. Man versucht es zwar mit physikalischen und geophysikalischen Grundsätzen zu erklären. Die meisten ändern ihre Meinung deshalb aber nicht.
Sie wollten als Student Österreichs erster Astronaut werden. 1991 ist Ihnen Franz Viehböck zuvorgekommen. Hat Sie das in Ihren Träumen zurückgeworfen oder motiviert?
Im Gegenteil, ich war fasziniert. Ich habe mich sogar beworben, obwohl ich die Voraussetzungen nicht erfüllte, weil ich während des Auswahlverfahrens noch studiert und keine Berufserfahrung hatte. Bewerben wollte ich mich trotzdem, ich musste einfach. Es war den Spaß wert. Ich kenne Franz Viehböck sehr gut, treffe ihn immer wieder und wir tauschen uns aus. Er hat viel Gutes für Österreich getan.
Welcher Weltraum-Film ist Ihr liebster?
Natürlich „2001: Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick.
Wie lange wird es dauern, …
… bis ein Mensch auf dem Mars landet?
Ich schätze vor Ende der nächsten Dekade.
… bis es Mondtourismus gibt?
Das wird früher sein als die Marslandung. Zuerst muss zwar die Infrastruktur aufgebaut werden, aber ich glaube, das wird in der zweiten Hälfte der nächsten Dekade passieren.
… bis Menschen auf dem Mond leben?
Ich denke, noch in dieser Dekade - zumindest, dass Menschen für einige Tage und Wochen dort sein werden.
… bis Sie selbst ins Weltall fliegen?
Das wird wahrscheinlich nicht mehr passieren.
Redaktion: Interview: Shiva Swist-Standl, Alexandra Schallhart, Bild (c) Europäischer Mediengipfel/Florian Lechner
Kategorie: Interview
Datum: 06.12.2025
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